PESSACH – DIE PHYSISCHE BEFREIUNG DER KINDER ISRAEL

von

Gabriela Sarah Bayer

und

Arjeh Lieo Gur

 

Im Monat Nissan feiern alle Juden das erste große Wallfahrtsfest (von insgesamt dreien). Es erinnert an die Befreiung der Kinder Israels aus der Knechtschaft Ägyptens , ( mi zarim: Bedrängnis) aus dem Elend vor über 3300 Jahren. Es handelt sich also um ein Erlösungsgeschehen, ein Hinausgehen aus der bitteren Dunkelheit zum Licht. Das Verspüren des Leides der Versklavung und der Unterdrückung ermöglicht erst das wahre Empfinden der Freiheit. Die Kinder Israel sind so tief gesunken, dass der Ewige selbst in das Geschehen der Befreiung eingriff. Moses und sein Bruder Aaron fungierten bei diesem Ereignis als Vermittler und Wegbegleiter beim Auszug aus der Sklaverei; der Rettungsakt wird im zweiten Buch Moses Kapitel 1 – 15 erzählt. Dieses Ereignis wurde zum Mittelpunkt der jüdischen Geschichte, zum Kristallisations-punkt der jüdisch – nationalen Identität, der Geburt des freien jüdischen Volkes, die feste, sichere Grundlage des jüdischen Glaubens und der jüdischen Ethik.

 

·        Die Thora nennt Pessach „das Fest des ungesäuerten Brotes“ (chag haMazoth), das Gebot, das es am deutlichsten identifiziert.

·        Das Pessach-Fest (chag haPessach) bedeutet „Überschreitungsfest“, ist jedoch das am meisten gebrauchte. Es bezieht sich dabei auf das Pessach-Opfer, das am Vorabend des Festes dargebracht wurde und erinnert an G.ttes Versprechen „und ich schreite über euch hin und euch wird kein vernichtender Stoß treffen“. Noch bevor Israel das Gebot erhalten hatte, ein Lamm für das Opfer im Monat Nissan zu nehmen, hatte Ägypten den Widder als Symbol für die Kraft dieses Monats erkoren. In diesem Monat ist das Sternbild eines Widders deutlich am Himmel sichtbar. Er steht für Segen, Kraft und Reichtum. Dieses strebten die Ägypter an, sahen deshalb den Widder als Gottheit an, verbeugten sich vor ihm, beteten ihn an. Israel, das sich G.tt als Einzig-artigkeit zuwendet, erhielt den Befehl, die Gottheit der Ägypter, ihrer Herren, als Opfer darzubringen. Nur G.tt allein vermag Reichtum und Kraft zu spenden. Das Opferlamm fungiert somit als Verhöhnung  ihrer Peiniger und ist eine eindeutige Ablehnung jeglichen Götzendienstes.

·        Die landwirtschaftliche Bedeutung ist, dass es den Beginn der Erntezeit bezeichnet, deshalb auch Frühlingsfest (chag haAviv) genannt. Die Ernte von Gerste wurde durch ein besonderes Opfer, des Omer, am zweiten Tag Pessach gekennzeichnet.

 

CHAMEZ UND MAZZE

 

Im zweiten Buch Mose 12:15 und 12: 19-20 wird mit Eindringlichkeit das Verbot, gesäuertes Brot zu essen, zu sehen und zu besitzen, ausgesprochen. Diese Verbote wurden den Kindern Israel schon in Ägypten gegeben. Chamez = Gesäuertes umfasst jedoch nicht nur Brot, sondern alle gesäuerten Speisen, die einem Gärprozess unterlaufen. Dieses Thoraverbot von Chamez tritt gegen Mittag des 14. Nissan in Kraft (das eigentliche Fest beginnt abends mit „Seder“) und dauert 7 Tage (in der Diaspora 8). Als Ersatz für Brotspeisen dient die Mazze, ein ungesäuertes Brot, das gestrengen Vorschriften der Zubereitung unterliegt, z.B. dass beim gesamten Backprozess von der Zubereitung bis zur fertig gebackenen Mazze 18 Minuten nicht überschritten werden dürfen.

Die Pessach-Vorbereitungen sind mit der Mazzot-Herstellung aber noch nicht getätigt. Der gesamte Haushalt wird gründlich und intensiv geputzt, d.h. von Chamez befreit. Herde werden mit großer Sorgfalt gekaschert (rituell rein gemacht), ebenso die Koch- und Essgeräte. Oft wird letzteres neu gekauft und nur für Pessach benutzt. Damit wird deutlich, dass eine Berührung mit Chamez und Einnahme dieser sorglichst zu vermeiden ist.

 

DER SEDER-ABEND

 

 

Wie bereits erwähnt, ermöglichte nur der Auszug aus Ägypten die Konsolidierung des Volkes Israel. Der Ewige wollte die Herzen des jüdischen Volkes mit Seiner Gnade, Barmherzigkeit und Liebe erfreuen, ihm nach der Knechtschaft in Ägypten Hoffnung und Zukunft geben. Deshalb ist diese Nacht der festlichen Heiligung für G.ttes Eingreifen und Schonung des jüdischen Volkes gewidmet, mit Dank, Würde und großer Sorgfalt vorzubereiten. In jedem jüdischen Haus – in allen Generationen – wird deshalb von den großen und wunderbaren Taten G.ttes erzählt, und alle singen G.ttes Lob.

 

Durch diese Nacht führt die Pessach-Haggada.

 

 

Sie ist der Leitfaden, vom Auszug aus Ägypten freudig zu erzählen, dieses Geschehen wieder gegenwärtig werden zu lassen. Damit kann der Mensch auch heute die Präsenz G.ttes – die Schechina – erfahrend erleben. So gesehen ist die Sedernacht eine – in und durch Erinnerung und Dankbarkeit – Rückgewinnung, ja zyklische Rückkoppelung zu G.ttes Größe, die zu huldigen ist. Das Gestern wird im Heute aktiv leb-endig, wahr, nachvollziehbar, d.h. heutige Menschen sind darin einbezogen, keine unbeteiligten Zuschauer oder Zuhörer.

Der Seder, das Wort bedeutet Ordnung, ist die religiöse Feier am ersten Pessach-Abend, die ein festliches Mahl einschließt, ebenso ein rituelles Mahl, welches von einer besonderen Ordnung feierlicher Handlungen begleitet ist. Diese besonderen Speisen werden auf einem Seder-Teller folgendermaßen (ähnlich eines Magen-David) angeordnet.

 

Ei 

Charosset 

Bitterkraut

Salzwasser

 Knochen

 Gemüse

 

 

Im folgenden sollen in kurzen Umrissen die für den rituellen Teil des Seder-Abends notwendigen Speisen (mit Symbolcharakter) und Gegenstände erörtert werden.

·        Die Haggada (wörtlich: die Erzählung) enthält die gesamte Ordnung der Sederfeier, biblische Berichte, rabbinische Erhellungen, Segenssprüche, Gebete und Lieder, die von der Knechtschaft der Israeliten in Ägypten und von ihrem Auszug berichten. 

 

 

 

 

Einst waren wir Knechte des Pharaoh in Ägypten, da führte uns der Ewige, unser G.tt, von dort heraus, mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme. Hätte der Heilige, gelobt sei er, unsere Vorväter nicht aus Ägypten herausgeführt, so wären wir, unsere Kinder und alle unsere Nachkommen Diener der Pharaonen in Ägypten geblieben; darum, wären wir auch alle weise, alle verständige, alle erfahren und alle schriftgelehrt, so ist es den-noch unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen und jeder, der ausführlich vom Auszug aus Ägypten erzählt, ist zu loben.

                                                                                                                       ha lagma anja

 

Dies ist das armselige Brot, das unsere Vorfahren im Lande Ägypten aßen.

 

·        Die Mazze erinnert zum einen an die Eile, in der die Kinder Israel Ägypten verlassen mussten (der Teig hatte nicht genug Zeit zu gären, aufzugehen), zum anderen symbolisiert sie „das Brot der Armen“.

 

·        Wein gilt als Symbol für Freude und Frohsinn; die 4 Becher, die an diesem Abend getrunken werden sollen, entsprechen den 4 Ausdrücken in der Thora (2. Buch Mose, 6:6-7), welche die Erlösung Israels betreffen. Diese sind:

 1. „Ich werde euch von dem Erliegen unter Ägyptens Lasten hinausführen (w’hozeti)“; 2. „werde euch von ihrer Knechtschaft retten (w’hizalti)“; 3. „werde euch mit gestrecktem Arme und mit großen Strafgerichten erlösen (w’ga’alti)“; 4. „werde euch mir zum Volke nehmen   (w’lakachti)“. Gleich der nächste Vers (2. Buch Mose, 6:8) fährt fort: „und werde euch dann in das Land bringen (w’heveti), das ich Abraham, Isaak und Jakob versprochen habe.“ Dieser fünfte Ausdruck wird durch einen fünften Becher symbolisiert, der nicht ausgetrunken wird, weil Israel in den langen Jahrhunderten seines Exils dies als ein Versprechen ansah, das noch zu erfüllen ist. Allerdings wird er ebenso auf den Tisch gestellt und „Becher von Elia“ genannt. Entsprechend der Tradition ist der Prophet Elia ein Vorbote des Messias, dessen Kommen das Einsammeln der Zerstreuten und die Wiedereinsetzung der jüdischen Souveränität über Israel symbolisiert. Deshalb ist das Versprechen der Rückkehr in das Land der Väter mit Elia verknüpft.

 

·        Das Bitterkraut (maror) steht für die Bitterkeit, die die Israeliten während ihrer Knechtschaft zu erdulden hatten. Man verwendet hierfür Meerrettich.

·        Charosset (eine feste Mischung aus geriebenen Äpfeln, Nüssen, Wein, Zimt) symbolisiert den Mörtel, den die Israeliten zum Städtebau in Ägypten herzustellen hatten.

·        Salzwasser (mi malach) versinnbildlicht die Tränen, die vom Volk in seinem Unglück vergossen wurden.

·        Ein Gemüse (karpass), meist Sellerie oder Petersilie, ist ein Zeichen für Frühling, Fruchtbarkeit; es steht für Hoffnung und Zukunft, wenngleich es auch in Salzwasser (Rückbesinnung an das überstandene Leid) getaucht wird.

·        Knochen (zé’ro’a)  und Ei   (betza), beide erinnern an die Zerstörung des Tempels, in dem sie das Pessachopfer (Lamm, dafür steht der Knochen) und das Festopfer (das Ei), als der Tempel noch stand, darreichten. Vorzugsweise sollte es ein länglicher Knochen sein, weil dieser darauf hinweist, dass Israels Erlösung „mit ausgestrecktem Arm“ (s.v.) erfolgte. Deshalb wird der Knochen (zé’ro’a) Arm genannt. Das Ei ist zudem das traditionelle Symbol der Trauer und gleichzeitig des Neuanfangs. Der Grund für die drei Mazzot auf dem Sedertisch ist, dass am Schabbat und an anderen Festtagen üblicherweise zwei Brote erforderlich sind, um den Segensspruch über Brot zu machen. Das dritte braucht man zum Halbieren, um einen Teil für den „Afikoman“ beiseite zu legen, mit dem das Sederfestmahl beschlossen wird. Das Ende des Seders wird durch den Verzehr des Afikoman angezeigt. Das ist ein kleines Stück Mazze, das anfangs abgetrennt, versteckt und durch Kinder wieder gefunden wird. Das Wort „Afikoman“ kommt aus dem Griechischen und heißt Nachtisch. Aber auch andere symbolische Gründe stehen für die drei Mazzot: Sie stellen die drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob dar. Sie versinnbildlichen auch die drei Gruppen des jüdischen Volkes, Kohen (Priester), Levi (Tempeldiener) und Israel (Volk).

·        Die Bedeutung für das zweimalige Eintauchen (des Karpas ins Salzwasser und des Maror in Charosset), das einen Teil des Rituals bildet, ist eine absicht-liche Abweichung üblicher Tischsitten, um vor allem die Kinder neugierig zu machen und sie zum Fragen zu bewegen; ihre Fragen sollen die Möglichkeit eröffnen, ihnen vom Auszug aus Ägypten zu erzählen. In der Haggada stehen hierfür speziell für Kinder „die vier Fragen“, die, obwohl in kindlicher Textform, einen durchaus moralischen, historischen und religiösen Wert haben.

·        Lobpreisungen:          

Psalm 115:1. Nicht uns, Ewiger, nicht  uns, sondern deinem  Namen gib Ehre, um deiner Huld, um deiner Treue willen.

 

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich;

Danket dem G.tt aller Götterwesen!

Danket dem Herrn aller Herrn!

Der große Wunder tut allein;

Der mit Vernunft die Himmel geschaffen;

Die Erde auf das Wasser ausgebreitet;

Der große Lichter hat gemacht; Die Sonne, vorzustehn dem Tage;

Mond und Sterne, vorzustehn dem Tage;

Ägypten schlug an seiner Erstgeburt;

Und führte Israel heraus;

Mit starker Hand und ausgestrecktem Arme;

Das Schilfmeer abgeteilt;

Und Israel hindurch geführt;

Und Pharao mit seinem Heer hineingestürzt;

Der sein Volk führte durch die Wüste;

Der große Könige erlegte;

Mächtige Beherrscher erwürgte;

Sichon, den König der Amoriter;

Og, den König von Basan;

Und ihr Land eingab zum Besitz;

Zum Besitz für Israel, sein Volk;

Der in unserem Drucke an uns dachte;

Und von Feinde uns erlöste;

Der allem Fleische Speise gibt;

Danket dem G.tt des Himmels;

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

ewig währt seine Güte

 

Die Seele alles Lebenden lobe deinen Namen, Ewiger, unser G.tt. Der Hauch alles Fleisches preise und verherrliche dein Andenken ohne Unterlaß. König, von Ewigkeit bis in Ewigkeit bist Du allmächtig; außer Dir haben wir keinen König, keinen Erlöser (Messiah) und keinen Beschützer. Du erlösest, rettest, ernährest uns, stehest uns mit deiner Erbarmung bei in jeder Zeit des Trübsals und der Not. Wir haben keinen Annehmer außer Dir. G.tt der Vorwelt und der Nachwelt, Herr aller Wesen! Schöpfer der ganzen Natur. Du bist würdig unaufhörlichen Preises. Du regierest die Welt mit Allgüte, die Geschöpfe mit Allerbarmen. Ewiger, der Du nie schlummerst und nie schläfst, aber Schlafende erweckst, Schlummernde erheiterst.

 

·        Der Seder-Abend schließt mit der sicheren und freudigen Hoffnung, dass, so der Ewige will, bald in unseren Tagen Jerusalem wieder das Zentrum jüdischen Lebens wird, alle Zerstreuten und an den einzigen G.tt Glaubenden erlöst werden und ihre Beheimatung erfahren dürfen.

 

Diese kurze und nicht ganz vollständige Erörterung soll vor allem die große Bedeutung des Pessach-Festes für das jüdische Volk hervorheben; das besondere Ritual am Seder-Abend ist in jeder Haggada, die es in vielen Übersetzungen mit Erklärungen gibt, leicht nachzuvollziehen.

 

Nach 49 Tagen „Omer-Zählen“ folgt das zweite jüdische Wallfahrtsfest „Schawuot“.

Das physisch befreite Volk bedarf auch psychischer Sicherheiten.

 

La'Schana haba'a bijeruschalajim

 

DAS KOMMENDE JAHR

IM

(AUFGEBAUTEN) JERUSALEM

 

 

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