JOM KIPPUR

 

 

„Am zehnten Tage in diesem siebenten Monat ist der Versöhnungstag. Da sollt ihr eine heilige Versammlung halten und fasten und dem HERRN Feueropfer darbringen.“

3. Mose 23:27

 

Die sieben Tage zwischen Rosh haSchana und Jom Kippur werden Bußtage oder „Die Zehn Bußtage“ genannt, obwohl nur sieben Tage dazwischen liegen. Denn zusammen mit Rosh haSchana (zwei Tage) und Jom Kippur bilden sie eine Einheit, die für den Menschen bedeutsame Tage der Rückkehr sind. Das Wesen dieser Tage liegt in der Rück-Erinnerung des Menschen, dass er unter g.ttlichem Gericht steht: an Rosh haSchana wird sein Urteil niedergeschrieben, an Jom Kippur wird es besiegelt. Darum soll sich der Mensch in diesen Tagen vollkommen auf die Pflicht der Rückkehr und die bewegende Furcht vor dem g.ttlichen Urteil konzentrieren.

 

Der Ewige liebt Seine Geschöpfe, will nicht, dass der sündige Mensch sterbe. Er will, dass der Mensch von seinem irrigen Weg zurückkehre, damit er am Leben bleibe. Unsere Weisen sagen, dass G.tt in manchen Zeiten uns sehr nahe ist, manchmal aber auch nicht. Während der Zehn Bußtage hat Er die Güte und das Erbarmen, uns besonders nahe zu sein, deshalb sind sie in hohem Maße dazu geeignet, zu Ihm zurückzukehren (obwohl dies eigentlich jeder Zeit möglich ist).

Da, wie bereits erwähnt, an Jom Kippur unser kommendes Schicksal endgültig besiegelt wird, ist der Weg dahin von bedeutungsgeladener Wichtigkeit. Nur die Rückkehr TESCHUWA zu G.tt sühnt unsere Verfehlungen, heben sie geradezu auf, tilgen sie, werden nicht angerechnet. Nicht nur Sünden wie Raub oder Mord bedürfen der Rückbesinnung auf den Ewigen, auch menschliche Charakterschwächen (Hass, Neid, Spott, u.ä.) bedürfen der Rückkehr. Die Grundelemente der TESCHUWA sind Reue, Geständnis (Ein-Sehen) und das Aufgeben von Verfehlungen. Die TESCHUWA ist jedoch unvollständig, der Mensch hat sie verfehlt, wenn sie nur von zeitbegrenzter Dauer ist, man nach geraumer Zeit wieder in die alten Muster verfällt. Es wird augenfällig, dass dies ein mühevoller, belastender Prozess ist, aber der Lohn bezüglich der Ernsthaftigkeit der Rückkehr zur g.ttlichen Ordnung setzt gleichsam Kräftigkeiten frei, die diese anstrengenden Bemühungen belohnen: Der Mensch erreicht eine höhere Stufe, die ihn zu G.tt näher bringt, die TESCHUWA vermag vormals Entferntes, Verlorengegangenes wieder näher zu bringen, ein verzweifeltes Rufen erfährt nun eine Antwort, ein irriges Suchen ein sinnvolles Finden. Dieser Umstand gilt vor allem für die Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Aussöhnung und Wiedergutmachung stehen dabei an oberster Stelle, Versäumnisse hierbei sind verwerflich, Verschiebungen ebenfalls sündhaft. TESCHUWA kann man nur zu Lebzeiten tätigen.

Der Tag Jom Kippur selbst erfährt nach all diesen vorangegangenen, anstrengenden Tagen einen gewissen Höhepunkt mit Abschließungscharakter, d.h. die himmlischen Tore g.ttlichen Erbarmens hinsichtlich Seiner Urteilssprechung über unser Leben werden sich Ende diesen Tages schließen, unser Schicksal besiegeln. Verbunden mit diesem bedeutungsgeladenen Tag sind etliche Bestimmungen und Gebräuche, die im Folgenden kurz umrissen werden sollen.

Jom Kippur ist ein sehr strenger Fasttag (vor Sonnenuntergang am Vorabend bis nach Sonnenuntergang am selbigen Tag), Essen und Trinken sind untersagt, jedoch auch andere Annehmlichkeiten; fünf Einschränkungen sind es insgesamt: Essen, Trinken, Salben oder Waschen, Tragen von Leder, keinerlei körperliche Nähe. Verzichten hinsichtlich Wohlbefindens, Annehmlichkeiten jeglicher Art sind an diesem Tag oberstes Prinzip, um der geistigen Ausrichtung zu G.tt hin nicht den Weg zu verstellen. Diese fünf Entbehrungen entsprechen den fünf Büchern Mose, die wir angenommen haben, und deren Mitzwot wir erfüllen sollten. Um an dieser Stelle zu betonen: Mitzwot sind wohl, oberflächlich betrachtet, Einschränkungen, aber sie sind aus der Liebe G.ttes zu uns Menschen erwachsen, ausgerichtet auf uns, nicht zu be-schränk-en, sondern uns zu Ihm hin zu befreien. Jede gute Tat, die wir freudig und gerne ausüben, ist dabei wie ein Zünglein an der Waage, um Heiligkeit und Reinheit zu erreichen. Dabei spielen Verstand und emotionale Einsicht, verbunden mit wohlgefälligem, tätigem Tun eine hervor zu hebende Bedeutung. Auf das Ernstnehmen dieser Rückkehr zu G.tt hin verweist auch die Torah:

„Denn an diesem Tag wird Er euch sühnen, um euch zu reinigen: von all euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem Ewigen.“ 3. Mose 16:30

Zu betonen ist dabei, dass die Beziehungen zu den nächsten Mitmenschen zu pflegen sind; erst nach einer ernst genommenen und – gewollten Verzeihung – bei Vergehen – bei seinem Mitmenschen und danach diese Schuld auch vor G.tt zu bekennen, ist TESCHUWA wirksam; mit anderen Worten: bloßes Torahwissen ohne praktische Anwendung ist unwirksam! (Sprüche der Väter Abs. 3:21)

Es ist Brauch, sich am Jom Kippur in Weiß zu kleiden, man will wie die diensthabenden Engel vor G.tt erscheinen. So legen viele einen „Kittel“ an; dies ist die Totenbekleidung, die an den Tag des Todes erinnert, uns zur TESCHUWA aufrütteln soll. Weiß ist das Symbol für Gnade, bläuliche Verzierungen (z.B. im Tallith) sind Symbol für Erbarmen. Reue, Ehr-Furcht und die Bitte um erbarmungsvolle Gnade vor G.tt markieren diesen Tag folgenschwer.

Hinsichtlich der Gebetsordnung zu Jom Kippur soll auf drei wesentliche Gebete ausdrücklich verwiesen werden.

 

1. Das „Kol Nidrej“ verrichten wir am Vorabend von Jom Kippur

 

Dieses Gebet beinhaltet das Aufheben, Auflösen der Gelübde, die ein Mensch sich selbst aufgebürdet hat; dreimal wird dieser Vorgang wiederholt. Darin eingebunden ist die Dankbarkeit G.ttes gegenüber, unsere selbst gewählten Bürdnisse aufzuheben, uns sozusagen zu entlasten, frei zu werden, offen für Seine Gebote. Der Grund, warum man gerade zu Beginn von Jom Kippur Kol Nidrej sagt, liegt in der Tatsache, dass Jom Kippur ein Tag der Verzeihung, der Vergebung und der Rückkehr zu G.tt ist. Wenn ein Mensch während des Jahres irgendein Gelübde getan hat, muss er es erfüllen. Der Tag Jom Kippur kann dafür weder sühnen noch davon befreien. Hat man ein Gelübde getan und vergessen es einzuhalten, ist es dann möglich, sich an Jom Kippur von seiner Schuld zu befreien und zu sühnen? Sühnen kann nur gewährt werden, wenn das Gelübde gelöst wird, darum wurde es eingeführt, dass man diese Befreiung von Gelübden öffentlich erklären lässt und damit schon im Voraus eine Möglichkeit gibt, sich von einem Gelöbnis zu befreien. So kann man ohne die Bürde der Schuld eines Gelübdes, das man nicht einhalten konnte, am Jom Kippur vor G.tt treten. Ein Versprechen nicht einzuhalten, wird als große Schuld betrachtet und hat Bestrafung zur Folge. Sünden, die man mit seinem Mund begeht, werden schlimmer angesehen als diejenigen, die man durch die Tat begeht, auch Worte und Gedanken können verletzen, schädigen, töten. Deshalb ist dieses Gebet von enormer Wichtigkeit, hat durchaus positive Wirkung.

 

2. „Widduj“ – das Sündenbekenntnis an Jom Kippur

 

Eine grundsätzliche Vorbedingung für wahre TESCHUWA ist das bewusst ausgesprochene Sündenbekenntnis. Jedes einzelne Vergehen soll dabei ausdrücklich erwähnt werden. Dieses Bekenntnis hat nur Sinn, wenn man in seinem innersten Herzen beschließt, den Weg der Sünde und Vergehungen zu verlassen. Unreines muss entfernt werden, darum wird es mit Dringlichkeit mehrfach wiederholt. Das Sündenbekenntnis wird stehend gesagt. Die Aufzählung der Vergehen ist nach „Alef-Beth“ (Alphabet) angeordnet, um mit den 22 Buchstaben unserer heiligen Sprache, in der die Torah geschrieben ist, unsere Vergehen wiedergutzumachen. Im Mittelpunkt hierbei steht auch die Mitverantwortung jedes Einzelnen für seinen Nächsten; so gesehen ist es wichtig, alle Übertretungen zu artikulieren, auch wenn der einzelne Mensch sie nicht begangen hat. Dieses Geschehen ist eine bedeutungsvolle Pflicht, sich auch seinem Mitmenschen gegenüber gerecht und vergebend zu verhalten.

Aussprechenkönnen, -dürfen von bösen Vergehen befreit und eröffnet neue Wege, die in der Liebe G.ttes zu uns Menschen münden, uns daran Teil haben lassen. Vorherig Schlechtes wird verwandelt, der Ewige betrachtet es als ein Geschenk und hat Wohlgefallen daran, wenn wir sündig – bekennend – klein vor Ihm stehen; damit hat Er die Möglichkeit, Seine liebend – beschützenden Flügel auszubreiten und uns empor zu heben.

 

3. „Neilla“ – das Schlussgebet

 

Es wird vor Ende des Jom Kippur gebetet, denn es ist dies die Zeit, da die Tore des Erbarmens geschlossen werden. Dieses Gebet wurde angeordnet, um beim Schließen der Tore Mitleid zu erflehen. Da dies das Abschlussgebet ist, soll es mit besonderer Inbrunst und Innigkeit gebetet werden, um G.ttes Strenge im Gericht zu mildern und Ihn um Nachgiebigkeit zu bitten.

 

„Ein Gebet. Von David. Höre, HERR, die gerechte Sache, horche auf mein Schreien, nimm zu Ohren mein Gebet von Lippen ohne Trug ! 2 Von deinem Angesicht gehe mein Recht aus! Deine Augen mögen Aufrichtigkeit sehen.“

 Psalm 17:1-2

 

Während wir dieses Gebet sprechen, schließen sich die Himmelstore, der Ewige fällt für alle Erdenbürger das wahre und gerechte Urteil. Nicht mehr von „Einschreiben“ ist nunmehr die Rede, sondern von Besiegelung“; damit wird auch Endgültigkeit zum Ausdruck gebracht. Menschliches – in Form von Tod und Vernichtung hat jedoch einen heiligen Aspekt – in unserem Innersten dürfen und müssen wir erfahren, dass unser Leben zur Heiligung des G.ttlichen hingegen werden kann. Der Ewige war, ist, bleibt König dieser Welt.

 

Am Ausgang von Jom Kippur wird nochmals Schofar geblasen. Satan – der Widersacher – soll verwirrt werden. Während dieses Tages hatte er kein Recht und keine Möglichkeit anzuklagen, sich zwischen Mensch und G.tt zu stellen, nun könnte er seine Rolle als Ankläger und Zerstörer wieder übernehmen, doch der scharfe Schofarton soll ihn verwirren und entmutigen.  Außerdem signalisiert dieser lange, in einem Atem ausgestoßene Schofarton die völlig einheitlich begründete Tatsache, dass das jüdische Volk Israel in EINHEIT verbunden ist mit seinem Ewigen, G.tt.

 

Es wird ausgedrückt in der Wiederholung von:

 

 

Höre Jisrael, der Ewige ist unser G.tt, der Ewige ist EINZIG

 

Danach wird sieben Mal bestätigt:

 

"Der Ewige, der ist G.tt, der Ewige ist G.tt!

 

Nach dem folgt ein freudiges, lustvolles Geschehen; nach entbehrungsreichem Fasten ist es wieder ein freudevolles Fest, mit Genuss und Muße zu speisen und öffentlich fröhlich zu sein.

Nach diesem frohen Zusammensein pflegt man mit dem Bau der Laubhütte zu beginnen, dem Beginn einer neuen Mitzwahandlung, im neuen Jahr.

 

Gabriela Sarah Bayer und Arjeh Lieo Gur